Stumme Zeugen

Waldbrände 2007 – Stumme Zeugen

  • 01
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    „Ich blieb stehen. Ich
    warte auf dem Hügel, halte
    Wache. Mein Körper umgarnt
    von den Flammen,
    die Zweige zischen, mir
    schaudert es. Alles wird
    langsam enger. Ich trockne
    aus, bin erschöpft, durstig,
    völlig fertig. Ich weine. Mein
    Weinen ertränkt mich, im
    Trockenen.“
  • 02
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    „Verstümmelt die Arme, vergeblich
    schlagen sie, versuchen
    sie sich zu verteidigen,
    um das Unvermeidliche zu
    vermeiden. Regungslos bleibe
    ich auf meinem Platz. Als
    ich sehe, wie das Feuer die
    Berghänge durchkämmt, ohne
    satt davon zu werden, erstarre
    ich in einer fatalen Regungslosigkeit.“
  • 03
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    „Ich torkele. Ich bin außer Atem.
    Ich öffne die Arme. Ich weiß nicht,
    ob ich beten oder fluchen will.
    Ich bin sicher, es ist das Ende,
    es kann nur das Ende sein. Das
    Röcheln des Todes kommt selbstbewusst,
    durch die Schluchten, auf
    Feuerzungen geritten.“
  • 04
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    „Die Winde waren noch nie so unbarmherzig zu uns, weder besonders hart noch ungerecht. Der Geschmackdes Feuers klebt in uns, er hat uns besiegelt, gebrandmarkt. Wie eine Sünde,
    die sich nie vergeben lässt.“
  • 05
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    „Wir sind hier versammelt, rege die Teilnahme.
    Wir wollen laut rufen, den Finger heben, auf diejenigen zeigen,
    die unkündbare Verträge mit dem Tod vereinbart haben.
    Niemand will zuhören, niemand will zusehen,
    niemand will etwas gehört oder gesehen haben.“
  • 06
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    „Versiegt erstrecken sich die Berghänge,
    sie wollen sich hinlegen, die Augen haben sie zugemacht,
    ohne ein Auge zugemacht haben zu können.
    Eine riesige Welle aus Flammen hört nie
    auf zu schäumen und deren Träume zu zerstören.“
  • 07
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    „Früher kamen die Vögel zu mir,
    setzten sich auf meine Arme, liebten sich sorglos,
    hinter den Zapfen zelebrierten sie
    lärmend ihre Liebe. Sie machten mich somit zum
    Mittäter und Spielkumpanen ihrer leuchtenden Spiele. Nun verkohlt
    die Erinnerung, die Spiele, dunkle bösartige Geschwüre.“
  • 08
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    „Wie kann man eine solche Wut
    aushalten! Die Lava, die uns verbrannte,
    raubte das, nahm einfach
    das weg, was wir über die Jahrzehnte
    aufbewahrt haben.“
  • 09
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    „Die Steine standen uns bei. Sie
    lauerten auf. Sie leisteten Widerstand.
    Was sollen sie denn tun,
    klein, anämisch ihre Größe. Was
    sollen sie denn noch retten, wie
    hätten sie uns retten können!“
  • 10
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    „Meine Bastionen ersticken im Rauch.
    So ein Elend habe ich noch nie gesehen.
    Als das Feuer spät ausgelöscht war,
    blieben die Sorgen und ein unerträglicher Schmerz
    übrig, schwebend und angesengt.“
  • 11
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    „ ‚Hilfe’ rufe ich, meine Stimme der Gnade
    und Ungnade des Rauchs ausgeliefert.
    Trocken, unartikuliert bleibt sie beharrlich
    im Hals stecken, findet keinen Ausgang. Die Flammen
    fressen mich von allen Seiten auf. Der Blick haftet auf
    den Ruinen, bevor ich mich ergebe und Opfer ihrer
    Fresssucht werde.“
  • 12
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    „Nichts blieb stehen. Nackt der Berghang,
    auch wir nackt, von innen und von außen.
    Ruinen, Relikte einer Nacktheit,
    die in keine Scham hineinpasst.“
  • 13
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    „Wir nähern uns vor lauter Angst einander.
    Um die letzte Hoffnung zu nähren.
    Wir nehmen uns in die Arme. Um uns
    zu halten, um zusammenzuhalten.
    Wir umarmen uns. Auch das konnte uns nicht retten.“
  • 14
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    „Die frühere Pracht ein Handvoll Steine. Ein Haufen auf dem Boden vergessen. Das, was die Steine erzählen, tötet
    uns. Stück für Stück. Wieder und wieder.“
  • 15
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    „Frisch die Erinnerung, an unsere Beine beharrlich geklebt. Kleine Ritzen, winzige Narben, die brennen und schmerzen
    durch ihre Lebendigkeit. Sie wollen unseren ewigen Schlaf zerstören.“
  • 16
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    „Von außen gibt es nichts, das uns
    rettet. Einige erbärmliche Eimer, einige
    ausgeraubte Schläuche, auch
    diese ewig durstig. Halbherzig die
    Rettung. Dieser Kampf verloren
    von vorneherein.“
  • 17
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    „Noch niemand begehrte die Worte in unserem Revier.
    Alleinige Wortkönigin das Schweigen. Tag für Tag streckten wir
    die Arme nach oben. Wir beteten einen offenen,
    großherzigen Himmel an - heute ein Alptraum. Die Zeiten des Feuers
    verrieten ihn. Ungewollt wurden wir Augenzeugen,
    stumme Zuschauer, unbeholfene Pilger einer Todesstille.“
  • 18
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    „ ‚Geduld’ rief der Felsen, ‚Geduld’ flüsterte die Erde.
    Die Zeit, die Große, flicht unermüdlich am Schicksal der Kleinen.
    Für das Allergrößte“.